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Tag 104: Unser privates Duell um die Welt

  • Autorenbild: Inga F.
    Inga F.
  • 19. Apr. 2022
  • 4 Min. Lesezeit

Heute ging es nach Potosí. Dafür, dass die Stadt als Stadt am Rande des Silberminenbergs Cerro Rico bekannt ist, ist diese überraschend hübsch. Das stellten wir fest, als wir auf unseren Guide warteten, der uns durch die Silberminen führen sollte.

Erster Stopp der Tour war an einem kleinen Kiosk. Hier konnten wir die typische Ausstattung eines Minenarbeiters erwerben: Kokablätter, Zigaretten ohne Filter, 96-prozentigen Alkohol, Dynamite plus Sprengladung und Softdrinks.


Unser Guide erklärte uns die unterschiedlichen Arten, Kokablätter zu konsumieren. Er biss so auf das Blatt, dass sich dieses vom Stängel löste. Der Stängel ist für "Pachamama" (Mutter Erde) und wird auf den Boden geworfen. Außerdem erklärte er uns, dass sich die Blätter hier von den Blättern aus Cochabamba unterscheiden. Diese kleinen Blätter, die man sich hier in die Wange schiebt, sind ungeeignet, um Kokain herzustellen. Auch wenn Kokain hier verboten ist, ist der Anbau der Kokablätter legal und damit ist Bolivien zu einem der größten Kokainproduzenten der Welt geworden.


Die Kokablätter sorgen dafür, dass man sich schneller in der Höhe akklimatisiert und sie helfen gegen Übelkeit und Unwohlsein. Schließlich liegt Potosí auf über 4.000 Metern über dem Meeresspiegel.


Auch Dynamit bzw. TNT ist hier frei verkäuflich. Er erklärte uns, wie das ganze funktioniert: Das Dynamit an sich ist ungefährlich. Man muss den Zünder und das Nitroglycerin auf bestimmte Weise miteinander kombinieren, damit die gesamte Sprengkraft entfaltet wird.

Nachdem wir uns mit Geschenken für die Minenarbeiter eingedeckt hatten, bekamen wir noch Arbeitskleidung bestehend aus einem Overall, einem Helm mit Lampe und Gummistiefeln ausgeteilt.

Dann ging es auch schon in die Mine. Im Eingangsbereich begrüßte uns eine Figur, die dem Teufel ähnelte. Unser Guide erzählte uns, dass früher den Sklaven, die in der Mine für die Spanier schufteten, erzählt wurde, dass sie dieser Teufel holen würde, wenn sie ihrer Arbeit nicht vernünftig nachkommen würden. Als die Spanier sich zurückzogen, arbeiteten weiterhin Menschen in den Minen. Allerdings nun als freie Arbeiter und gegen Lohn. Sie modellierten den Teufel um: Statt Ziegenfüßen hatte er nun Bergarbeiterstiefel an. Außerdem hatte er statt schwarzen silberfarbene Augen. Der Dreizack wurde durch eine gebende Hand ersetzt. Einzig die Hörner sind geblieben, weil sich an der höllischen Dunkelheit in der Mine bis heute nichts geändert hat. Damit war der Gott der Minenarbeiter El Tio geboren.

El Tio ist der Mann von Pachamama (Mutter Erde) und ihm zu huldigen verspricht reine Mineralien, viel Geld und so viel Gesundheit, wie bei diesem Job möglich ist. Wir hielten das Ritual ab, was die Arbeiter normalerweise an ihrem einzigen freien Tag in der Woche abhalten. Max zündete eine Zigarette für El Tio an und steckte sie ihm in den Mund. Dann bestreuten wir ihn mit Kokablättern, dankten ihm und sprachen unsere Wünsche aus. Dann öffnete unser Guide den 96-prozentigen Alkohol, goss El Tio etwas auf die rechte und die linke Hand und trank dann einen Schluck aus der Flasche.

Derart hochprozentigen Alkohol kenne ich normalerweise nur als Reinigungsmittel oder zum Kosmetik herstellen. Aber Jairo (unser Guide) erklärte uns, dass die Minenarbeiter ungefähr einen Liter davon während ihrer zwölfstündigen Arbeit trinken würden. Warum? Weil sie glauben, dass je reiner der Alkohol, desto reiner die Mineralienerträge.


Als wir das Ritual wiederholen wollten, sagte er uns, dass wir einen Schluck vom Alkohol nehmen sollen, ohne das Gesicht zu verziehen, um El Tio nicht zu beleidigen. Aber tatsächlich schmeckt der Alkohol in der Mine aufgrund der ganzen Dämpfe, die sich auf die Nerven legen, nicht so schlimm.

Ich fragte Jairo, ob es auch Minenarbeiterinnen gäbe. Er sagte, dass Frauen nicht in der Mine arbeiten dürfen, weil Pachamama dann eifersüchtig werden könnte. Die Frauen dürfen an der Weiterverarbeitung und den Prägewerkstätten mitarbeiten aber auf gar keinen Fall in der Mine. Gegen Touristinnen hätte Pachamama allerdings nichts einzuwenden, versicherte er mir.


Nach unserem Ritual ging es tief hinein in die Mine. Arbeitsschutztechnisch ist das hier natürlich eine Katastrophe! Zerbrochene Balken über uns und die Gänge waren so eng, dass man nur gebückt laufen konnte. Die einzige Lichtquelle stellte unsere Stirnlampe dar.

In dieser Mine werden Silber, Gold und Zink abgebaut. Wenn man genau hinsieht, sieht man es in den Wänden schimmern. Wenn es erstmal freigelegt wurde, beginnt es zu oxidieren und bildet je nach Mineral Stalaktiniten, Stalaktiten oder bekommt einen fast schon pelzigen Film mit vielen kleinen Kristallen.

Ganz tief unten in der Mine gab es einen Stollen, der vor wenigen Jahren zusammengebrochen war, weil dort Pazifikwasser eingedrungen war. Dabei kamen einige Minenarbeiter ums Leben. Dann zeigte er uns, wie die Mineralien abgebaut werden. Mit einer Maschine werden Löcher in den Stein gebohrt. Dort wird das Dynamit reingesteckt, angezündet und dann sucht man das Weite. Dunkelheit, giftige Gase, Staub, Explosionen, zusammenstürzende Stollen... Man kann bei dieser zweistündigen Tour nur erahnen welchen Strapazen diese Arbeiter hier ausgesetzt sind.

Als wir wieder am Tageslicht in der Freiheit waren, traute ich mich erst, diese Frage zu stellen: Wie häufig bricht der Stollen zusammen? Jairo sagte, dass in den letzten Jahren bis auf den Wassereinbruch, keine Unfälle passiert seien. Allerdings ist der Berg durch die Arbeiten in den letzten hundert Jahren um mehrere hundert Meter abgesackt. Und wann geht man als Minenarbeiter in Rente? Die traurige Wahrheit ist: Leider gar nicht. Die meisten Arbeiter starten als Kinder mit 13 oder 14 Jahren. Aufgrund der Belastung werden diese Arbeiter in der Regel nicht älter als 50, weil sie dann an Krankheiten sterben.


Lohnen sich diese Strapazen dann wenigstens finanziell: Es kommt darauf an, ob man in einer Mine mit vielen oder wenigen Mineralien arbeitet. Mit Glück kann man umgerechnet 15.000 Euro im Monat verdienen. Mit Pech verdient man allerdings auch nur seine 5 Euro am Tag.

Wenn ihr noch nicht alle meine YouTube-Videos über Südamerika angesehen habt, könnt ihr das noch nachholen:


Wenn ihr einen kleinen Vorgeschmack auf mein Video über die Silberminen haben wollt, verlinke ich euch das Video vom Duell um die Welt, wo Klaas Mineralien abbauen muss: https://www.youtube.com/watch?v=2UlqbxIJVuM

Dieses Video hat mir ein Bekannter empfohlen. War Zufall, dass wir genau am Duell um die Welt Drehort gelandet sind.

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